Gesprächsführung mit psychisch belasteten Jugendlichen - Murielle Jaquemet von Pro Juventute

Bild
Frau mit Locken und Brille erklärt etwas

Der Berufsalltag mit Lernenden bringt nicht nur Fachliches mit sich, sondern oft auch emotionale Herausforderungen. Gerade wenn Jugendliche psychisch belastet sind, kommt den Ausbildenden eine Schlüsselrolle zu: Sie sind Vertrauenspersonen, Coach und Begleiter:innen zugleich. Entscheidend ist, wie Gespräche geführt werden. Am besten achtsam, auf Augenhöhe und ohne den Druck, alles lösen zu müssen. Denn wer gut unterstützt, ermöglicht gesunde Entwicklung.

Murielle Sabrine Jaquemet ist Beraterin bei Pro Juventute 147 & Elternberatung mit Fachverantwortung psychische gesunde Entwicklung. Sie hat für CYP einen Praxisimpuls für die berufliche Begleitung von psychisch belasteten Jugendlichen geschrieben.

Vertrauen ist die Grundlage

Der Berufsalltag mit Jugendlichen ist schön, aber auch herausfordernd. Gerade wenn Lernende psychisch belastet sind, ist es entscheidend, wie Gespräche geführt werden. Ausbildende spielen dabei eine zentrale Rolle, denn sie begleiten nicht nur den Lernprozess, sondern sind auch wichtige Bezugspersonen. Doch wie gelingt es, in belastenden Situationen gut zu unterstützen, ohne zu überfordern?

Beziehungsarbeit beginnt im Alltag. Wer Jugendlichen auf Augenhöhe begegnet, Interesse an ihrer Person zeigt und Raum für informelle Gespräche schafft, baut schrittweise Vertrauen auf. Es geht darum, zu signalisieren: "Ich bin für dich da! Nicht nur, wenn etwas nicht gut läuft, sondern auch, wenn es dir einfach nicht gut geht."

Bild
Frau mit Locken und Brille erklärt etwas

Gesprächsführung mit Haltung und Herz

Zentral für gelingende Gespräche ist eine offene, urteilsfreie Grundhaltung. Ein wertschätzendes Klima entsteht, wenn auch kleine Beschwerden wie Müdigkeit oder Unkonzentriertheit ernst genommen werden. Fehler sollten als Lernchancen begriffen werden. Denn eine klare Fehlerkultur hilft, Druck und Angst abzubauen.

Ressourcen- und lösungsorientierte Fragen unterstützen Jugendliche dabei, ihre eigenen Stärken (wieder) zu entdecken. Zum Beispiel: "Was hilft dir in schwierigen Situationen?" oder "Was hat dir in der Vergangenheit Kraft gegeben?" Der Gesprächseinstieg darf gerne kreativ sein etwa mit einer Metapher wie: "Wenn deine Lehre eine Reise wäre, wo befindest du dich gerade?" Das schafft Verbindung und lädt zum Erzählen ein.

Guter Rahmen – gutes Gespräch

Offizielle Rahmen können Jugendliche verunsichern. Für sensible Gespräche hilft oft ein ungezwungener Ort, etwa draussen statt am Bürotisch. Wichtig ist auch, dass Gespräche nicht zwischen Tür und Angel stattfinden: Wer zuhört, braucht Präsenz und Zeit.

Auch Begleitpersonen sollten auf ihre eigene Verfassung achten. Nur wer empathisch und klar ist, kann Jugendlichen wirklich begegnen. Und manchmal braucht es auch den Mut zu sagen: "Jetzt ist nicht der richtige Moment. Wir verschieben das Gespräch."

Stolpersteine erkennen, Verantwortung abgebe

Nicht jedes auffällige Verhalten weist auf eine psychische Erkrankung hin. Und nicht alle Jugendlichen verhalten sich gleich. Stimmungsschwankungen oder Rückzug gehören zur normalen Entwicklung. Wichtig ist, aufmerksam zu bleiben, ohne vorschnell zu interpretieren oder zu bewerten.

Ausbildende müssen nicht alles allein tragen. Bei ernsthaften psychischen Belastungen ist es wichtig, Fachpersonen beizuziehen. Der Ausbildungsbetrieb trägt laut Arbeitsgesetz die Verantwortung, Lernende vor gesundheitlichen Schäden zu schützen. Dazu gehört auch die psychische Gesundheit.

Hilfsangebote kennen und benennen

Es gibt zahlreiche Angebote, an die sich Jugendliche selbst oder gemeinsam mit Vertrauenspersonen wenden können. Zum Beispiel die Erstberatung 147 oder der Peer-Chat von Pro Juventute, sowie regionale Stellen wie Kabel Zürich, Job Caddie oder das Berufsinspektorat.

Fazit: Gute Gespräche entstehen nicht aus dem Nichts. Sie sind das Ergebnis von Haltung, Beziehung und einem sicheren Rahmen. Wer Jugendlichen aufmerksam begegnet und sie in ihren Stärken sieht, kann entscheidend zu ihrem Wohlbefinden beitragen auch in schwierigen Momenten.