Vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen…

Als Einstimmung eine kleine Geschichte… [1]

Stellen Sie sich vor, es ist ein warmer Sommertag.
Sie laufen entspannt durch den Wald, Vögel zwitschern, der Wald duftet nach Moos und saftigem Grün. Auf einer kleinen Lichtung treffen Sie auf einen Mann, der betriebsam daran arbeitet, einen Baum zu fällen.
«Was machen Sie da?», fragen Sie.
«Das sehen Sie doch», antwortet dieser ungeduldig, «ich säge diesen Baum um.»
«Sie sehen erschöpft aus! Wie lange sind Sie denn schon dran?»
«Was fragen Sie so blöd? Über fünf Stunden, wenn Sie es unbedingt wissen wollen,» antwortete er, «und ich bin k.o.! Das ist harte Arbeit.»
Nach einem kurzen Blick auf die stumpfe Säge fragen Sie, etwas eingeschüchtert ob der groben Antwort, aber dennoch neugierig:
«Warum machen Sie dann nicht einfach Pause und schärfen die Säge? Ich bin sicher, dass es dann viel schneller ginge.»
«Dafür habe ich keine Zeit», ruft der Mann erregt, «ich habe genug damit zu tun, diesen Baum umzusägen!»

Wahrscheinlich haben Sie solche Situationen auch schon erlebt, in welchen Sie das Wesentliche aus den Augen verloren und sprichwörtlich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr gesehen haben. Situationen in welchen Sie nur noch funktioniert und gar nicht mehr gemerkt haben, was in Ihnen und um Sie herum wirklich vor sich geht.

Was könnte uns wieder aus diesem Wald heraus führen?

Vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen… | CYP smart education

Jeder von uns übt in seinem Leben verschiedene Rollen (Partner, Führungskraft, Freund, Mitarbeiter, Eltern, Trainer etc.) aus, oftmals auch gleichzeitig. Besonders dann ist es wichtig zu merken, was in einem vorgeht. Nur so können wir handlungsfähig bleiben und für uns stimmige Entscheidungen treffen – wie beispielsweise ohne schlechtes Gewissen die Mailbox am Feierabend auch mal Mailbox sein zu lassen.

Das führt zur Frage, wie man es schafft bei sich zu bleiben, zu merken was gerade passiert und das für sich richtige zu tun? Und dies noch in einer Zeit in der man ständig erreichbar sein sollte und sehr vieles von einem verlangt wird?!

In meiner Weiterbildung zur Resilienztrainerin durfte ich hierzu einiges erfahren und mich vertiefter damit auseinandersetzen.

Gemäss Sigmund Freud (der Begründer der Psychoanalyse) haben wir grob gesagt zwei Systeme bzw. Ebenen in uns. Das Gehirn benutzt für bewusste wie unbewusste Vorgänge verschiedene Hirnareale. Zum einen gibt es für alle geistigen und somit wahrnehmbaren Tätigkeiten das Bewusstsein sowie für alle unbewussten Prozesse das Unbewusste. Was Freud zu seiner Zeit behauptete und durch Untersuchungen der modernen Gehirnforschung bestätigt wurde, zeigt sich sehr schön in seinem Eisbergmodell.

Eisbergmodell

Anhand dieses Modells wird deutlich, dass nur ein kleiner Teil der Gehirnaktivitäten überhaupt ins Bewusstsein gelangen. Somit spielt das Unbewusste auch bei Entscheidungen eine wesentliche Rolle – denn Entscheidungsfragen werden gemäss Freuds Eisberg-Theorie zu 1/8 durch das Bewusstsein (oberhalb der Wasseroberfläche) und zu 7/8 durch das Unbewusste (unterhalb der Wasseroberfläche) getroffen. Es lohnt sich also, den Teil des Unbewussten genauer anzuschauen. Maja Storch erläutert hierzu in ihrem Buch „Das Geheimnis kluger Entscheidungen“ [2] spannende Gedanken.

Wie bereits erwähnt, benutzt das Gehirn verschiedene Hirnareale für die bewussten wie unbewussten Vorgänge. Beispielsweise ist bei bewussten Vorgängen die Grosshirnrinde oder lateinisch auch „Cortex“ genannt aktiv. Wie es der Name „Rinde“ sagt, umgibt diese

das Gehirn, wie eine Rinde den Baum, und alles was darunter stattfindet, ist unbewusst und beinhaltet mehrere Teilgebiete, welche zusammen geschlossen sind. Der Hirnforscher Gerhard Roth nennt diesen von Maja Storch beschriebenen Zusammenschluss, welcher für gute Entscheidungen wesentlich ist, „emotionales Erfahrungsgedächtnis“.

Im emotionalen Erfahrungsgedächtnis sind gemäss Roth all unsere Erfahrungen gespeichert. Dabei wird jede Erfahrung zusammen mit einer emotionalen Bewertung abgelegt. War die gemachte Erfahrung positiv wird sie mit einer positiven Emotion hinterlegt (Belohnungssystem), war sie negativ entsprechend mit einer negativen (Angstsystem). Da das emotionale Erfahrungsgedächtnis alles was es wahrnimmt parallel verarbeitet, wird innerhalb von nur 200 – bis 300 Millisekunden nach der Wahrnehmung eines Reizes (bspw. ich sehe, rieche, höre etc. etwas), ein Körpersignal ausgelöst. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio nennt diese Signale „somatische Marker“ („Soma“ aus dem Griechischen für „Körper“). Diese können wir als Körperempfindung (bspw. Herzklopfen, Bauchkrämpfe etc.), Emotion (bspw. Wut, Freude etc.) oder auch eine Mischung daraus wahrnehmen. Dies ist sozusagen das „Signalsystem“ unseres Unterbewusstseins. Es teilt uns mit, ob eine vergleichbare Situation in der Vergangenheit gut für uns war und wir uns dem somit annähern können (Go!) oder ob sie schlecht war, nicht gut ausging für uns und wir diese daher besser meiden sollten (Stopp!).

Wie man die somatischen Marker wahrnimmt, ist bei jedem Menschen sehr individuell. Egal wie sich diese zeigen, es lohnt sich, innezuhalten und darüber nachzudenken was uns diese mitteilen möchten.

Gleichzeitig ist die Einschätzung des Unterbewusstseins anhand von diffusen Gefühlen allgemeiner Natur sprich nicht detailgenau. Das Bewusstsein hingegen arbeitet seriell d.h. es verarbeitet eine Information nach der anderen bis ins Detail genau und braucht daher auch mehr Zeit bis es zum Fazit „richtig“ oder „falsch“ kommt. Somit hat jedes dieser beiden Auswertungs- und Entscheidungssysteme seine Vor- sowie Nachteile.

Balance

In der heutigen Zeit werden Entscheidungen oft aus dem Kopf getroffen – wie es auch schön die Einstiegsgeschichte zeigt. Entscheidungen künftig nur noch aus dem Herzen oder Bauch zu fällen, wäre gleichzeitig auch nicht zielführend. Es gilt beide Systeme zu nutzen, indem man einfach ausgedrückt beiden Raum gibt und beide Einschätzungen zulässt.

Das Mindset von CYP

Je mehr wir uns dieser Tatsache bewusst sind und je mehr wir uns selbst mit unseren Gedanken wie auch mit den somatischen Markern in „jeden“ Moment wahrnehmen, desto höher ist die Chance dass jeder für sich stimmige Entscheidungen treffen und Bedürfnisse abdecken kann. Dadurch kann die eigene Resilienz weiter trainiert und ein wertvoller Beitrag an die persönliche Stärkung und Weiterentwicklung geleistet werden. Gerade in der heutigen schnelllebigen und komplexen Welt ist dies essentiell.

Weiterentwicklung kann schlussendlich nur beginnen, wenn jeder sich und was in ihm vorgeht achtsam wahrnimmt und den Mut hat sich mit dem was sich dadurch zeigt zu konfrontieren. Nicht zuletzt ist die Selbstreflexion ein wichtiges Puzzleteil in diesem Prozess. Wie alle Kompetenzen muss auch die Reflexionskompetenz kultiviert und trainiert werden, was in der CYP-Kultur sei es in den Ausbildungs-Modulen wie auch innerhalb von CYP immer wieder aktiv angestossen wird – Lebenslanges Lernen lässt grüssen!

Und welche Möglichkeiten bieten sich Ihnen im Alltag sich wahrzunehmen und zu reflektieren? Wie und in welchen Situationen zeigen sich Ihre somatischen Marker? Wie stellen Sie sicher, dass Sie trotz der vielen Bäume den Wald noch sehen?

Sabrina Thoma

Sabrina Thoma

Lead Product & Market Development
Member of Management Board

sabrina.thoma[at]cyp.ch


[1]  Schoch, S. (2015). Erzählbar – 111 Top-Geschichten für den professionellen Einsatz in Seminar und Coaching, 3. Auflage. Hans Hess (Hrsg.). managerSeminare Verlags GmbH: Bonn.
[2]  Storch, M. (2015). Das Geheimnis kluger Entscheidungen – Von Bauchgefühl und Körpersignalen, 9. Auflage. Piper Verlag GmbH: München/Berlin.
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