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Unterrichtsdiagnostik – Bringt das was?

Unterrichtsdiagnostik – Bringt das was?

Unterrichtsforscher und Experten sind sich einig: Unterrichtsdiagnostik ist ein unabdingbares Element zur Qualitätssicherung im Bildungskontext. Unterricht muss evaluiert werden, um daraus Rückschlüsse für die Weiterentwicklung von Unterrichtsangebot, Unterricht und Lehrperson zu ziehen. Aber was genau bringt das den involvierten Parteien? Welchen Mehrwert ziehen sie aus entsprechenden Massnahmen? Diese Frage stelle ich mir seit einiger Zeit und möchte ihr im Rahmen dieses Blogs auf den Grund gehen.

Was wir darunter verstehen

Als lernende Organisation[1] ist für CYP die Organisations- und Unterrichtsentwicklung ein wichtiger Bestandteil des Qualitätsmanagementsystems. Für uns geht es bei Unterrichtsentwicklung grundsätzlich um «alle Aktivitäten und Initiativen (…) die sich auf die Verbesserung des (…) Unterrichts und des dafür notwendigen professionellen Wissens und Könnens beziehen»[2]. Wenn wir von Unterrichtsentwicklung sprechen, meinen wir damit die Veränderung von Lehrmethoden und Lehr-Lern-Szenarien, die Effektivierung von Klassenführung, die Stärkung von didaktischen, fachlichen und diagnostischen Kompetenzen sowie die Optimierung des Lehrmaterials mit dem Ziel, die Wirksamkeit des Unterrichts zu steigern.[3]

CYP stellt bei mitarbeiterbezogenen Themen das lebenslange Lernen ins Zentrum. Die Verantwortung für Veränderung und Entwicklung liegt dabei grundsätzlich in den Händen der Mitarbeitenden. Da für eine effektive Unterrichtsdiagnostik jedoch unterschiedliche Perspektiven von elementarer Bedeutung sind, haben wir verschiedene Entwicklungsgefässe definiert, bei denen neben dem Eigenbild auch das Fremdbild mit einbezogen wird.[4] Diese Entwicklungsgefässe sollen die Mitarbeitenden vor allem dabei unterstützen, ihren Unterricht zu reflektieren.

Wir führen neben kollegialem Feedback, Intervisionsveranstaltungen und Hospitationen, bei denen der Fokus auf der eigenen Person liegt, auch Unterrichtsbesuche durch eine interne Fachstelle durch. Die erwähnten Unterrichtsbesuche möchte ich in der Folge etwas genauer beleuchten.

Was wir beabsichtigen

Die Ziele dieser Unterrichtsbesuche sind u.a.
  • die Kriterien basierte Evaluation des Unterrichts aus verschiedenen Perspektiven,
  • einen Aussenblick auf die Unterrichtstätigkeit ermöglichen,
  • die Evaluation von Entwicklungsmassnahmen für Unterrichtsangebot und Lehrperson und
  • die Ermöglichung von pädagogisch-didaktischen Diskussionen, um Best Practice zu fördern.

Die Kursbesuche werden grundsätzlich immer von zwei Personen durchgeführt, welche aufgrund ihrer Aufgaben und Rollen bei CYP unterschiedliche Blickwinkel einnehmen. Anhand eines Kriterien basierten Beobachtungsbogens wird der Unterricht evaluiert und ausgewertet. Im Anschluss an den Kursbesuch werden Auswertungsgespräche mit den Lehrpersonen durchgeführt, bei denen sowohl die Erkenntnisse der Lehrpersonen selber, als auch die Einschätzung der beiden Diagnostiker thematisiert werden. Im Anschluss daran leitet die Lehrperson ihre persönlichen Zielsetzungen ab und allfällige Verbesserungsvorschläge zu den Unterrichtseinheiten werden durch die Diagnostiker an die entsprechenden Fachstellen weitergeleitet.

Ich bin überzeugt, dass wir durch dieses Entwicklungsgefäss das Kompetenzempfinden der Lehrpersonen stärken und die Qualität unserer Ausbildungsangebote steigern konnten (und können). Dies ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Viel zentraler als meine eigene Einschätzung ist, was wir wirklich durch diese Unterrichtsbesuche erreichen. Und dies können nur die Betroffenen, also die Lehrpersonen selber beurteilen.

Was wir tatsächlich erreichen

Aus diesem Grund habe ich mich an einige unserer Lehrpersonen gewandt und sie um ihre Einschätzung der Unterrichtsbesuche gebeten. Selbstverständlich möchte ich ihnen die diesbezüglichen Antworten nicht vorenthalten, geben sie doch einigen Aufschluss über die Wirksamkeit von Unterrichtsdiagnostik durch eine Fachstelle.

Eines vorneweg, die landläufige Annahme, dass Lehrpersonen Unterrichtsbesuche und die damit zusammenhängenden Rückmeldungen nicht schätzen, wurde zu meiner Freude nicht bestätigt. Silvio Mastrodomenico fasst, stellvertretend für seine Kolleginnen und Kollegen, die diesbezügliche Ansicht wie folgt zusammen:

Durch die Fülle an Reflexionen, Feedbacks, Intervisionen und PK-Besuchen (Unterrichtsbesuche, A.d.R.) wurde ich zu einem besseren Ausbilder.

- Silvio Mastrodomenico, Ausbilder

Er vergleicht anschliessend Unterrichtstätigkeit und Unterrichtsdiagnostik mit dem ihm bestens bekannten Spitzensport Schwimmen. Dort sei neben dem regelmässigen Training, der passenden Ernährung und den gezielten Erholungsphasen auch die Videoanalyse nach einem Wettkampf von zentraler Bedeutung für den sportlichen Erfolg. Unterrichtsbesuche ermöglichen eine solche Aussensicht, dessen ist sich auch Sascha Laube bewusst, wenn er festhält, dass ihm durch die Diagnostiker Sachverhalte aufgezeigt wurden, die ihm selbst gar nicht bewusst gewesen sind. Ihn motiviert zudem auch die Tatsache, dass er seine eigene Entwicklung vor Augen geführt bekommt. Aufgrund der Unterrichtsevaluationen durch die Fachstelle hat er nämlich festgestellt, dass ehemalige “Entwicklungspunkte” zu Stärken gewachsen sind. Diese Aussage stützt auch Daniel Rogenmoser, welcher ergänzend festhält, dass der Ausbau von kleinen Stärken (Entwicklungspunkte in der CYP Sprache) zu grossen Stärken (wirkliche Stärken) wachsen können und das Vertrauen in die eigenen Unterrichtsfähigkeiten erheblich stärkt. Die Fokussierung auf Stärken ermöglicht gezielten Kompetenzaufbau und Unterrichtsdiagnostik ist ein Schlüssel dazu, darüber sind sich die Lehrpersonen einig.

Zudem erlauben aufbauende Gespräche zu pädagogisch-didaktischen Themenstellungen, so die Meinung von Silvana Furer und Mauro Togni, persönliche Ziele zu setzen, um die eigene Entwicklung zu unterstützen. Die wohlwollende, konstruktive und konkrete Art der Rückmeldungen ermöglicht es, Kritik anzunehmen und zu verarbeiten, so Silvana Furer weiter. Und Daniel Jünger fühlt sich dadurch in seiner Tätigkeit als Lehrperson gestärkt und motiviert.

Fazit: Unterrichtsentwicklung - Das bringt was!

Wenn nun Felix Rohner resümiert, dass Unterricht, Ausbildung und Training in stetigem (schnellem) Wandel sind und dementsprechend regelmässig beobachtet, reflektiert und justiert werden müssen, bleibt mir ergänzend nur noch zu sagen, dass Unterrichtsdiagnostik ein unabdingbares Element zur Qualitätssicherung im Bildungskontext ist. Unterrichtsdiagnostik generiert sowohl für Lehrpersonen als auch Bildungsinstitut gleichermassen einen Mehrwert. Und auch wenn die Verantwortung für die persönliche Entwicklung bei jedem Einzelnen liegt, können wir bei CYP Rahmenbedingungen schaffen, welche diese Entwicklung begünstigen. Dies ist die Überzeugung von CYP und mir persönlich.



[1] Eine lernende Organisation ist eine Organisation, in der Veränderungen als normal akzeptiert werden, die über eine entsprechende Organisationskultur und organisatorische Mechanismen des Lernens verfügt (vgl. hierzu: http://www.wirtschaftslexikon24.com/d/lernende-organisation/lernende-organisation.htm).
[2] Helmke, Andreas: Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität, Bobingen 2012, S. 308.
[3] Ebenda.
[4] Vgl. hierzu: Helmke, Andrea / Gerlinde Lenkske: Unterrichtsdiagnostik als Voraussetzung für Unterrichtsentwicklung. In Beiträge zur Lehrerbildung, 31 (2), 2013.