Wieso ich Konflikte mit Lernenden genauer betrachte?! Weil ich es mir wert bin!

Die Jugendjahre mit der Adoleszenz und der Pubertät sind bewegte Jahre für einen Jugendlichen. Als wäre das nicht genug, kommen noch weitere Herausforderungen dazu. Wie bspw. seinen eigenen Weg in einem neuen Lebensabschnitt zu finden sowie den Erwartungen von verschiedenen Personen und Instanzen gerecht zu werden.

Den Lernenden in dieser intensiven Zeit zu begleiten, auszubilden und ihn dabei zu unterstützen seine Kompetenzen weiterzuentwickeln, ist zwar sehr spannend, kann gleichzeitig sehr herausfordernd sein. Dies kann, was auch unter Berufskollegen völlig normal ist und vorkommen kann, zu Konflikten führen. Spannend ist hier mal genauer hinzuschauen und versuchen herauszukristallisieren, was denn hinter dem Konflikt steckt.

My Values

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Gründe, Ursachen etc. wieso Konflikte entstehen. Ich bin mittlerweilen der Meinung, dass es schlussendlich immer um unterschiedliche Wertvorstellungen geht.

„Unter einem sozialen Konflikt versteht der Politikwissenschaftler und Konfliktforscher Friedrich Glasl […] eine Interaktion
  • zwischen zwei Aktoren (Individuen, Gruppen, Organisationen usw.),
  • wobei wenigstens ein Aktor
  • Differenzen (Unterschiede, Widersprüche, Unvereinbarkeiten)
  • im Wahrnehmen
  • und im Denken/Vorstellen/Interpretieren
  • und im Fühlen
  • und im Wollen
  • mit dem anderen Aktor (anderen Aktoren) in der Art erlebt,
  • dass beim Verwirklichen dessen, was der Aktor denkt, fühlt oder will,
  • eine Beeinträchtigung durch einen anderen Aktor (andere Aktoren) erfolge" [1]

Sozialer Konflikt Glasl
(Abbildung 1: Elemente und Wirkungsmechanismen des sozialen Konflikts gem. Glasl) [2]

Angenommen mir als Ausbilderin wäre es sehr wichtig, dass ich selbst wie auch der Lernende seine Aufträge genau, strukturiert, zuverlässig, ohne Fehler und somit perfekt erledigt. Nun würde ich wahrnehmen, dass er gewisse Deadlines übersehen hat, Flüchtigkeitsfehler in Kundenbriefen vorhanden wären und dass die Ablage nicht in der richtigen Reihenfolge wäre und somit seine Leistung nicht meinen Vorstellungen entsprechend würde. Dies könnte mich höchstwahrscheinlich irritieren, wenn nicht sogar nerven, vor allem, wenn ich ihm dies auch schon als Feedback zurück gemeldet hätte. Ein gewisser Konflikt wäre somit vorprogrammiert.

Das ist nur eines von vielen Beispielen, welche zeigen, wie wir tagtäglich in der Interaktion mit Lernenden wie auch generell mit unseren Mitmenschen gefordert werden. Obwohl niemand gerne solche Irritationen hat, können wir uns letztendlich nur dadurch weiterentwickeln und beispielsweise einen Schritt aus der Komfortzone machen.

Wie heisst es doch so schön?

Es sind nicht die Dinge die uns beunruhigen, sondern die Meinungen die wir von den Dingen haben.

- Epiktet

Und da wir unser Gegenüber bekanntlich nicht verändern können, dürfen wir bei uns selbst ansetzen und hoffen, dass dadurch unser Gegenüber ebenfalls einen Entwicklungsschritt machen darf. Daher lohnt es sich, wenn wir uns fragen, was mich denn immer wieder in der Zusammenarbeit, Interaktion, Kontakt etc. mit anderen stört. Was ist mir wichtig resp. nach welchen Werten lebe ich und wo habe ich das Gefühl, werden diese durch das Verhalten meines Gegenübers beeinträchtigt?

Noch kurz, was unter „Wert“ zu verstehen ist. Ein Wert beschreibt, was nach meiner eigenen und auch der sozialen Einschätzung (in der Gesellschaft) als erstrebenswert, gut, richtig, nützlich und förderlich gilt. Und bei einem Wertekonflikt, bin ich mit dem Verhalten einer Person nicht einverstanden, weil ich eine andere Wertvorstellung habe. Ich bin zwar nicht beeinträchtigt meine Bedürfnisse zu befriedigen, dennoch hege ich den Wunsch, dass die Person sich ebenfalls gemäss meinen Wertvorstellungen verhält. [3] Übrigens, wussten Sie dass gemäss Jean Piaget (schweizer Biologe und Pionier der kognitiven Entwicklungspsychologie) ein Kind frühestens ab ca. 11 Jahren die Fähigkeit zu abstraktem und hypothetischem Denken entwickelt? D.h. erst ab hier ist der Mensch überhaupt in der Lage zu erkennen, dass es verschiedene Wahrnehmungen, Denkhaltungen etc. gibt und erst ab hier beginnt der Mensch sich die wichtigen Fragen vom Leben zu stellen. Je nach Lernenden kann es somit sein, dass dieser noch gar nicht oder noch nicht allzu lange die Fähigkeit zur Reflexion seiner Werte hat. Geschweige denn die Fähigkeit eigene Werte zu definieren, welche sich bspw. von den bisher verinnerlichten unterscheiden. Die Werteentwicklung steht somit in Abhängigkeit mit der Entwicklung der Kognition (Denkvermögen).

Um mehr Klarheit zu meinen Werten und dem Entwicklungspotenzial zu bekommen, könnte das Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun (deutscher Psychologe und Kommunikationswissenschaftler), welches Paul Helwig (deutscher Psychologe und Philosoph) zu folgendem Arbeitsinstrument zusammengefasst hat, hilfreich sein. [4]

Wenn wir nochmals davon ausgehen, dass es mir als Ausbilderin wichtig ist, dass alles perfekt erledigt wird (Quadrant oben links), dann wird anhand des untenstehenden Werte- und Entwicklungsquadrates auch klar, dass wenn ich damit übertreibe, ich verbissen werde (Quadrant unten links). Um nicht verbissen zu werden, ist somit ein positives Spannungsverhältnis zwischen meinem Perfektionsanspruch und einer gewissen Flexibilität (Quadrant oben rechts) meinerseits gefragt. Hier sprechen wir von der sogenannten Schwesterntugend. Wenn diese übertrieben würde, würde die anfänglich förderliche Flexibilität in Chaos münden (Quadrant unten rechts), was zugleich die Überkompensation der Verbissenheit wäre (sprich von einem Extrem zum anderen). Wenn ich also in gewissen Situationen nicht auch mal flexibel und gelassen unterwegs bin, artet meine Arbeitsweise in eine negative Übertreibung aus – welche sich dann anhand von Kleinkariertheit, Pedanterie und schon fast Zwanghaftigkeit zeigen kann. Nun wird auch klar, wo mein wunder Punkt ist, in der Diagonalen sprich beim „Chaos“ (Quadrant unten rechts). Da „Perfektion“ ein wichtiger Wert für mich ist, werde ich automatisch immer getriggert und somit gefordert, sobald ich bspw. einer chaotischen Arbeitsweise von einem Lernenden begegne. D.h. ich kann mich insofern entwickeln, indem ich vermehrt die Schwestertugend „Flexibilität“ lebe, mal den Fünfer grad sein lasse (dort wo es Sinn macht). Dadurch werden mich gewisse Chaoszustände nicht mehr in derselben Intensität stören.

Werte- und Entwicklungsquadrat
(Abbildung 2: Werte- und Entwicklungsquadrat gem. Helwig/Schulz von Thun) [5]

Welcher Wert ist Ihnen extrem wichtig? Skizzieren Sie für sich die vier Quadranten, indem Sie oben links Ihren wichtigen Wert einsetzen, nach unten die Übertreibung suchen, diagonal das Gegenteil von Ihrem Wert, welcher Sie auch herausfordert, notieren und dann herausfinden, welches die Schwestertugend wäre, welche Sie in Ihrer Entwicklung unterstützen würde. Viel Spass!

Das Mindset von CYP

Wenn mich etwas stört, kann es daher wertvoll sein anhand dieses Arbeitsinstrumentes herauszufinden, in welche Richtung ich mich noch stärken könnte. Hier kann auch der Austausch wie auch das Feedback von anderen hilfreich sein.

Die CYP Ausbilder beispielsweise sind meistens zu zweit oder zu dritt in einem Präsenzkurs unterwegs. Hierdurch haben sie die Chancen beim gemeinsamen Debriefing beim Kursabschluss nicht nur organisatorische sowie inhaltliche Aspekte des Moduls zu reflektieren, sondern sich auch gegenseitig Feedback zur Zusammenarbeit und der gegenseitigen Wirkung zu geben. Dies kann dazu beitragen „blinde Flecken“ zu entdecken wie auch zu erkennen, mit was man jeweils Mühe hat. Dies gibt eine gute Selbstreflexionsbasis um dann für sich Handlungsmassnahmen abzuleiten und sich so gezielt weiter zu stärken. Nicht zuletzt kann es so gelingen, den Zündstoff aus der Interaktion mit verschiedensten Menschen rauszunehmen.

Und welchen Wert, der bei Ihnen im Werte- und Entwicklungsquadrat hoch im Kurs ist und immer wieder für Reibungen mit Ihrem Lernenden sorgt, möchten Sie im Alltag ausbalancieren? 

Sabrina Thoma

Sabrina Thoma

Lead Product & Market Development
Member of Management Board

sabrina.thoma[at]cyp.ch


[1] [2] Coachingzentrum Olten (2015). Schwierige Gruppensituationen V.1.0 aus dem Modul „Resilienz trainieren“ im CAS Resilienztraining. Coachingzentrum: Olten.
[3] [4] [5] Coachingzentrum Olten (2015). Werte und Wertentwicklung V.1.0 aus dem Modul „Resilienz entdecken“ im CAS Resilienztraining. Coachingzentrum: Olten.

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