Selbstgesteuertes Lernen - nur ein Mythos?

Im Sitzungszimmer von CYP wird zwei Praxisausbildern einer Mitgliedbank das Bildungskonzept näher gebracht. Dieses basiert auf vier didaktischen Prinzipien. Bei der anschliessenden Diskussion taucht die Frage auf, ob Jugendliche überhaupt in der Lage sind, „selbstgesteuert“ zu lernen.

Selbstgesteuertes Lernen - nur ein Mythos?

Meine Antwort dazu ist: JEIN!

Definition selbstgesteuertes Lernen

Weinert (zit. nach Deitering, 2001) spricht von selbstgesteuertem Lernen, wenn in der Lernsituation Spielräume für die selbstständige Festlegung von Lernzielen, Lernzeiten, Lernmethoden und Lernpartner vorhanden oder erschliessbar sind. Der Lernende soll die Rolle des sich selbst Lehrenden übernehmen, indem er zum Beispiel den Lernvorgang eigenständig plant, seinen Lernfortschritt überprüft und sich die notwendigen Informationen beschafft.

Bei dieser Art von Lernen steht somit der Lernende im Mittelpunkt und übernimmt Verantwortung für sein Tun und Handeln. Aus diesem Grund handelt es sich um eine berechtigte Frage, ob die Lernenden überhaupt in der Lage sind, diese Verantwortung zu übernehmen. Zweifelsohne muss die Selbstlernkompetenz über die Jahre aufgebaut werden. Das selbstgesteuerte Lernen ist auch die Basis für das lebenslange Lernen, welches aufgrund des gesellschaftlichen Wandels stark an Bedeutung gewonnen hat.

Wie kann die Selbstlernkompetenz aufgebaut werden?

Um die Verantwortung für den eigenen Lernprozess übernehmen zu können, muss auch Spielraum für eigene Entscheidungen geschaffen werden. Als Beispiel übertragen wir den Lernenden bereits von Anfang an die Verantwortung, sich selbständig an die CYP-Module anzumelden. Das heisst, die Lernenden organisieren sich selbständig, indem sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen besprechen, an welchem Datum sie teilnehmen möchten und melden sich danach an die Module an.

Was passiert, wenn sie einen Termin im Ausbildungsbetrieb vergessen haben? Auch hier übernehmen sie die Verantwortung für ihr Handeln und suchen entweder mit den Praxisausbildern eine Lösung oder kontaktieren CYP, um sich umzumelden. Im „Worst-Case“ besuchen die Lernenden aufgrund der Umbuchung nicht mehr dasselbe Modul wie ihre Kolleginnen und Kollegen. Diese Art von Verantwortungsübernahme kann für Lernende zu Beginn ungewohnt und daher herausfordernd, ja sogar mühsam sein.

In der Modul-Vorbereitung wird ebenfalls auf selbstgesteuertes Lernen gesetzt. Im Vorbereitungsauftrag teilen wir den Lernenden mit, was von ihnen erwartet wird. Die Vorbereitung dient im Präsenzkurs als Basis und wird dann anhand von verschiedenen Methoden vertieft und angewendet. Anhand eines Vortests, welcher 5 Tage vor der Präsenzkursdurchführung bestanden werden muss, um definitiv zum Kurs zugelassen zu werden, erhalten die Lernenden direkt ein Feedback, ob sie über das nötige Bankfachwissen verfügen. Falls der Test nicht bestanden wird, erhalten sie eine E-Mail mit Reflexionsfragen über ihre Vorgehensweise in der Vorbereitung.

Die Reflexion ist ein wichtiges Element beim Aufbau der Selbstkompetenz. Indem die zurückliegende Lernphase mit Hilfe der Reflexionsfragen analysiert wird, können neue, optimierte Vorgehensweisen geplant und gegebenenfalls mit den Ausbildern besprochen werden.

Reflexionssequenzen finden auch immer wieder während der Präsenzkurse statt. In der Sequenz „Individual Learning“ erhalten die Lernenden ein Zeitfenster von ca. 30 Minuten, um fachliche Themen nach ihren individuellen Bedürfnissen zu repetieren. Während dieser Zeit planen sie, welches Ziel sie wie, in welcher Form und allenfalls mit wem in dieser Sequenz erreichen möchten. Im Anschluss werten sie den Erfolg ihrer selbstgestalteten Sequenz aus.

Selbstgesteuertes Lernen - nur ein Mythos?

Wie viel Selbstbestimmung ist zumutbar?

In den einzelnen genannten Beispielen ist erkennbar, wie die Verantwortung für den Lernprozess geteilt wird. Die Lehrperson schafft Rahmenbedingungen, innerhalb derer die Lernenden ihren Lernprozess aktiv und selbständig mitgestalten können. Es ist wichtig, den Lernenden Freiräume zu geben, ohne sie zu überfordern. Aus diesem Grund zeigen wir ihnen in vielen Situationen Möglichkeiten auf, welche sie adaptieren können. Beim Aufbau der Medienkompetenz geben wir beispielsweise das Gerät vor und erarbeiten mit ihnen digitale Lernstrategien. Welche App für sie die passende ist, entscheiden sie selbst. Das zu erreichende Ziel muss für sie immer klar erkennbar sein und unterstützt sie bei der Orientierung. Gegen Ende der Ausbildung wird der Gestaltungsfreiraum während dem Unterricht immer grösser (z.B. bei den Repetitionsphasen als Vorbereitung auf das Qualifikationsverfahren). Der Fortschritt des selbstgesteuerten Lernens ist sehr individuell. Einige Lernende schätzen die Freiräume und könnten schon im ersten Jahr auf Hilfestellungen verzichten und wieder andere wünschen sich bis zum Schluss eine enge Begleitung und weniger Eigenverantwortung. Unsere Art das theoretische Fachwissen aufzubauen, ist für die meisten Lernenden Neuland. Oft wurden sie gerade im schulischen Umfeld anders sozialisiert.

Zum Schluss noch dies….

Indem die Lernenden sich darin üben, eigene Ziele zu setzen, diese zu verfolgen, indem sie Massnahmen für die Zielerreichung planen, übernehmen sie die Verantwortung für ihren Lernprozess. Diese Kompetenz wird auch im beruflichen Alltag von ihnen erwartet. Unsere Erfahrung zeigt, dass es für die Lernenden hilfreich ist, sie bei der Reflexion ihrer Handlungen und Entscheidungen zu unterstützen, indem wir ihnen Fragen stellen und/oder Feedback gegeben.

Können die Lernenden nun selbstgesteuert Lernen?

Ja, die Jugendlichen können es! ….wenn beim Aufbau des selbstgesteuerten Lernens darauf geachtet wird, ihnen Lerntechniken sowie Techniken zur Selbststeuerung mitzugeben und sie anfangs bei der Selbstreflexion angeleitet werden.

Das Lernen soll eine Herausforderung und keine Überforderung sein.

Carmen-Luisa Núñez de La Torre

Carmen-Luisa Núñez de La Torre

Lead Core Business
Member of Management Board

carmen-luisa.nunezdelatorre[at]cyp.ch

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