Flipped Classroom - der Unterricht steht Kopf

Flipped Classroom - der Unterricht steht Kopf

Die Begriffe wie flipped classroom, inverted classroom oder umgedrehter Unterricht werden heutzutage in der Bildungswelt immer mehr gebraucht. Doch was genau hat es überhaupt damit auf sich? Steht jetzt wirklich der ganze Unterricht Kopf?

Der Frontalunterricht nach der klassischen Methode "Lehrer steht vorne, referiert und die anderen hören zu" steht methodisch-didaktisch stark in der Kritik. Dadurch werden die Lernenden zur Passivität verurteilt und die Aufmerksamkeit sinkt schon nach kurzer Zeit stark ab. Zudem wird diese Methode dem heterogenen Vorwissen der Lernenden nicht gerecht. Die einen langweilen sich schon nach kurzer Zeit, andere hingegen sind überfordert. Wer einmal den Faden verliert, findet oft schwer wieder den Anschluss. Oftmals findet dann die Anwendungsstufe, zum Beispiel das Lösen von Übungen, nachgelagert erst zu Hause statt. Hier kann die Problematik entstehen, dass der Lernende bei Verständnisproblemen auf sich alleine gestellt ist.

Zum Wissensaufbau wird klassischerweise ein Lehrbuch verwendet, doch auch der besagte Lehrervortrag hat trotz allem seine Vorteile. Oftmals kann die Theorie einfacher über visuelle und auditive Kanäle (z.B. einer Präsentation) aufgenommen werden, anstatt rein über das Lesen.

Das Konzept des Flipped Classroom nutzt genau die Vorteile des Lehrvortrages und vermeidet gleichzeitig seine Nachteile. Der Lehrvortrag wird auf kurze Videos aufgenommen, welche die Lernenden vorbereitend zur Lehrveranstaltung anschauen können. Das ermöglicht den Lernenden, die Lerninhalte selbständig, asynchron, ortsunabhängig, selbstgesteuert und in ihrem individuellen Lerntempo zu erarbeiten.

Der Mehrwert dieser Methode liegt klar auf der Hand: Statt im Präsenzunterricht Zeit für Grundlagenvermittlung zu verwenden, kann nun diese gewonnene Zeit mit aktivierenden Methoden zur Vertiefung und Anwendung des Gelernten genutzt werden.

Um den eigenen Unterricht in ein Flipped Classroom Modell zu überführen, bietet Aaron Sams, der als einer der "Erfinder" des Konzepts gilt, einige Grundfragen als Orientierung zur Planung: [1]

  • Wozu benötigen die Lernenden die Unterstützung durch den Lehrenden und die Lerngruppe am meisten?
  • Welche Inhalte eignen sich am besten zur Auslagerung aus der Präsenzlehre und zur selbstgesteuerten, individuellen Aneignung?
  • Wie können diese Inhalte didaktisch sinnvoll technologieunterstützt aufbereitet werden?

Flipped Classroom - der Unterricht steht Kopf

Wie erwähnt, stellen kurze Lernvideos ein probates Umsetzungsmittel dar. Jedoch reichen Videos für ein nachhaltiges Lernen nicht aus. So besteht die Gefahr, dass die Videos einfach nur konsumiert würden, ohne dass eine entsprechende Reflexion stattfindet. Es bietet sich also an, diese Videos zum Beispiel durch Fragen interaktiv zu gestalten, ein separates Arbeitsblatt in Bearbeitung zu geben oder den Lernenden ein Lernjournal führen zu lassen. Auch eine klare Strukturierung, wie ein zeitlicher Ablauf und das Setzen von inhaltlichen Schwerpunkten, erleichtern die Gestaltung des eigenen Lernprozesses.

Natürlich ist es mit dem reinen Publizieren von Lernvideos nicht getan. Auch der Präsenzunterricht muss entsprechend der neuen Methode angepasst werden. Als Wichtigstes gilt hier, dass das Gelernte aus der Vorbereitung nie im Präsenzunterricht nochmals behandelt wird, ausser im Sinne einer Vertiefung, ansonsten wird die ganze Vorbereitung obsolet. Es gibt genügend Möglichkeiten, wie der Präsenzunterricht neu angepasst werden kann. Hier ein paar Ideen:

  • Probleme ansprechen: Welche Herausforderungen sind beim Lernen mit den Videos aufgetreten?
  • Gemeinsame Aufgabenbearbeitung: Anhand von Aufgaben kann überprüft werden, ob die Inhalte verstanden wurden. Zum Beispiel könnte man das Plenum in eine Pro- und Kontra-Gruppe einteilen und ein Thema diskutieren lassen.
  • Oder es wird die Think-Pair-Share Methode angewendet: Zunächst arbeiten die Lernenden alleine anhand eines Fallbeispieles/Problemstellung zum jeweiligen Thema, dann im Austausch mit den Sitznachbarn und schliesslich wird die Aufgabe im Plenum besprochen. Dabei fungiert der Lehrende als Moderator.

Flipped Classroom Coach

So überzeugend das ganze Konzept ist, der erfolgreiche Einsatz hängt in der Realität weiterhin von einer engagierten Lehrperson ab. Schlussendlich ist auch das Lernen anhand von Lernvideos weiterhin ein Lernen. Hier ist es umso wichtiger, den Lernenden den Mehrwert aufzuzeigen: Je mehr es die Lernenden schaffen, sich selbständig mit der Thematik zu befassen, desto leichter wird es ihnen fallen, etwas zu begreifen und zu behalten. Dies bedeutet aber auch, dass der Unterricht so aufgebaut sein muss, dass die Lernenden die Themen anwenden können. Bei der Lehrperson findet also ein Rollenwechsel statt, indem sie nicht mehr der reine Wissensvermittler ist, sondern als

Coach fungiert und mit individuellen Gesprächen die Lernenden unterstützt, die Leistungen analysiert und/oder neue Ziele anregt. Ebenfalls ist die Lehrperson auch für die Qualität der Lernvideos verantwortlich. Entsprechende technische Tools erlauben es, genau zu analysieren, wie oft ein Video angeschaut und nach der wievielten Sekunde abgebrochen wurde etc. Genau diese Daten helfen, die Qualität der Lernvideos weiter zu verbessern. Entsprechend kann überlegt werden, ob zum Beispiel das Darreichungsformat des Videos angepasst werden soll, anstatt mit einem Film mit Legetechnik neu mit einem Animationsfilm zu arbeiten, ob das Drehbuch wirklich ansprechend aufgebaut ist (Thema Storytelling) etc.

Bei CYP wird die Methode des Flipped Classrooms schon seit mehreren Jahren erfolgreich angewendet. Mit den selbstproduzierten Lernvideos wird die Wissensvermittlung in die Vorbereitung verlagert, im Präsenzunterricht liegt dann ganz klar der Fokus auf der Anwendung des Wissens.

Hat die Methode des Flipped Classrooms Ihre Neugierde geweckt? Wollen Sie diese Methode auch in Ihrem Unterricht implementieren, aber Sie benötigen noch Unterstützung? Zögern Sie nicht uns zu kontaktieren - wir helfen Ihnen gerne weiter.

Roy Franke

Roy Franke

Lead Digital Field, Research & Development
Member of Management Board

roy.franke[at]cyp.ch


[1] Sams, in Handke & Sperl 2012, S.19

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